Mein 22-Tage-Dieb

16.03.09, 07:45:51 von klavki


für Stefan Pohl

Download MP3 (2,5 MB)

KIndergeschichte

14.03.09, 21:09:50 von klavki
Du siehst: Aus dem, was nicht da ist, aus dem, was wir nicht verstehen, wächst die größte Welt: Unsere Geschichten.
Unsere Augen müssen nur genauer hinsehen ...

Man kann die Stille der Dinge überreden, mit uns zu sprechen.

Aber vielleicht spricht die Stille auch mit uns. Nicht die Stille. Die Gedanken!
Hast du dir schon einmal überlegt, woher die Gedanken kommen, die du hast?
Wenn du durch die Straßen gehst und plötzlich an etwas denken musst. An deine Oma oder dass du unbedingt eine Katze haben willst oder dass du übermorgen zum Zahnarzt musst (AUA!). Glaubst du, die Gedanken kommen dir einfach nur so?
Natürlich nicht. Die Gedanken sind schon da und schwirren durch die Luft wie kleine unsichtbare Fliegen oder wie Flöhe. Sie sitzen auf Bäumen, in Sträuchern, aber auch auf deinem Kopfkissen oder deiner Zahnbürste. Und sie vermissen dich! Manche Gedanken sind nur für dich und es ist gar nicht so einfach für sie, dich zu erwischen. So jagen sie dir unsichtbar nach, bis sie dich endlich haben und du sie "einfach so" denkst.
Manche Gedanken streiten sich förmlich um die Menschen, weil sie ungern allein sind und unbedingt gedacht werden wollen, sie reißen sich darum, gedacht zu werden. Erst dann sind sie glücklich. Wenn du also wie "zufällig" an Blumen denkst, dann ist dann gar nicht so zufällig, wie du denkst ...

Das erinnert mich an eine andere Geschichte: Es war einmal ein virtuoser Geigenspieler, der tagtäglich auf seiner Geige spielte. So wundervoll und himmlisch, dass selbst die Vögel mit ihrem schönsten Gesang für eine Weile verstummten. Jedes Mal wenn er spielte, ließ er sein Fenster sperrangelweit offen, und so schwebten und taumelten und tanzten die klarsten und reinsten Töne durch das Fenster in die Luft und weiter über die Bäume, bis sie sich irgendwo niederließen. Es war aber einmal ein Ton, der sich nicht niederlassen wollte, der sich nicht senkte und hinabglitt auf die Erde, sondern immer weiter flog. Er wollte nicht als ein so schöner Ton geboren und danach nie wieder gebraucht werden. Er wollte zurück zu seiner Saite!
Und so nahm er alle seine Kraft zusammen und flog in einer leichten Kurve zurück über die Bäume durch das offene Fenster, lauschte den anderen wunderbaren Tönen der Geige, all seinen Brüdern, horchte auf die einzelnen Klänge und ließ sich ungehindert wieder auf SEINER Saite nieder. Endlich war er wieder zu Hause ...

Das sind die kleinen unvorstellbaren Dinge auf dieser Welt, zum Beispiel, dass man sich vorstellen könnte, dass es eine Trockenblume gibt, die neidisch ist auf die echten, die in der feuchten Erde leben dürfen und jeden Tag gegossen werden, um die sich jemand kümmert oder dass die Texte der Vögel in Wahrheit Gedichte sind oder dass es ein Wort gibt, das mit allen Träumen dieser Welt gefüllt ist, dass es einen Bachkiesel gibt, der unbedingt das Meer sehen will und also aufbricht auf seine weite Reise, denn er kommt ja nicht schnell voran, oder dass länger lebt, wer spinnt, wie der älteste Mensch auf dieser Welt einmal sagte, denn die Wirklichkeit kann man einfach verändern, aber die Phantasie muss man immer wieder neu erfinden, oder dass man in einem dichten Nebel blättern kann wie in einem Buch oder dass man die Gespräche, die man führt, einfach danach mitnehmen kann, in seine Tasche packt und zu Hause in Regalen stapelt. Wenn man sie braucht, holt man sie einfach wieder raus. Oder dass es jemanden gibt, der immer nur den Anfang eines Satzes sagen kann, bis er irgendwann nach Jahren jemanden trifft, der immer nur das Ende sagen kann und fortan gehen sie gemeinsam durch die Welt. Oder dass auf der Welt das "gem" einfach verschwindet und wir fortan nur noch üse essen, oder dass sich die Sonne WIRKLICH zwischen den Bäumen verfängt und dort hilflos hängt und wir leben fortan in einem großen ewigen Sonnenuntergang, oder dass man einen Stein in die Luft schmeißt und er in einer Ecke der Luft hängenbleibt, oder dass sich der Wind verirrt und nicht mehr weiß, wo er lang muss, jemanden nach dem Weg fragt, oder dass Berge sich nachts heimlich recken und dehnen und tagsüber wieder wie Tiere neben den Flüssen gehen, oder dass die Wellen nur Falten im Wasser sind, oder dass die Welt immer genau eine Sekunde vor uns entsteht oder dass die Vögel unsichtbare Wurzeln in der Luft haben oder dass der Himmel sich umblättert, jede Stunde einmal, denn: In Wirklichkeit ist die Welt ein großes Buch.

sterne:

11.03.09, 21:30:15 von klavki


lichtpickel. stellas schweißtropfen.
glühbotschaften, echosplitter.
untertitel des universums
und wir: all-analphabeten

wiese/gras:

11.03.09, 21:29:31 von klavki

mannaschwaden, seetangfahnen
piepenpappeln, fitschipfeile, schlatta,
besenhalme, rotzbäume, schnuderbeeri
krawattenkraut, stinkholz, tropfenpfurz,
glückskraut, arschkratzerl, kuschelzapfen
igelbürsten, pummeldünen,
smaragdblubber, kuheuterwaschanlage,
picassi pinselsammlung, schnittlauchplagiate
froschwollschenkel (frosch: quakquetsche)


einflüsterung der algen

11.03.09, 21:28:44 von klavki



alles vergänglich gemacht zu haben
diente den göttern nur zur zerstreuung
so wurde die ewigkeit sichtbar.

ich würde nie mehr /
den kurzen weg nehmen /
wenn es auch einen schönen gibt.

särge
als souveniere
unserer endlichkeit
sekunden
wie schnee
auf dem scheiterhaufen
das rätselhafte verschwinden
der sonne.

von mir.

eure herzen
werden mein grab bewachen.


nach mir -
der traum!



sternbild der pusteblume

11.03.09, 21:27:35 von klavki



der wahnsinn lüftet seine kleider aus
es wird also zeit
an der eigenen augenfarbe zu zweifeln
selbst mein schatten wird allmählich melancholisch

einen schritt aus mir
heraus machen
nur einen schritt
einen

erst allmählich wird sich diese gegend
von meiner geschichte erholen
heute morgen, mein sohn:
"ich schenke dir
ein buntes herz!

MEIN herz
wird dein grab
bewachen"

plötzlich wird das glück ein ort
der bequem zu fuß
erreichbar ist
näher als wir immer dachten

wir legen die spielzeuge
der vernunft ab

und meine kinder
springen die angst
einfach weg

winde bewerfen den himmel mit
vögeln
die sonne schlägt ihren kragen hoch
und meine kinder
angeln den wind mit einer leine

einen drachen als köder

es ist zeit, seiner augenfarbe zu misstrauen

10.03.09, 19:05:44 von klavki
keine ankündigungsplakate mehr lesen - vielleicht noch tagestipps im lokalteilterminkalender aussortieren. zukleben. alle bewegung, jedes voranschreiten, sämtliches futur sich selbst verbieten. praefixe vor - voran - voraus - hin (nur noch räumlich). pläne werden dünnhäutig. jedes aufschieben zerbrechlich. mitleid mit jedem wackligen tisch. auch dort ein ungleichgewicht. zerschlissen. vergilbt leuchten dämmerlicht und abendröten. eitern rosa in die erinnerung (wozu: erinnern???). aber auch: keine gefahr von rost, staub, schimmel…
haltbarkeitsdatum mensch.
fleisch. hirn. atem. herz.
ein schrei geht durch mich. blasser das blut..

an seiner angst sollst du den menschen erkennen. an diesem aufleuchten, diesem flackern, diesem geräusch hinter seinem auge, wo das salz gestreut wird, in diese ecke, in die sich abends unsere zukunft verkriecht: jedes pardon, jedes verzeihen, jedes ziehen und gehen wie ebbe und flut, die sich küssend verachten, jedes beten und nehmen, bitten und danken für jeden krümel zeit, der uns bleibt, um in ihm unsere angst zu begraben, diese angst, diese angst, ein leben zu haben, ein leben zu sein ohne hüsteln und stammeln.
aber das ist zu tief.

in ausgesprochenheit vergehen. wenn unsere worte die luft fressen könnten und wir endlich ersticken, an dem, was wir aussondern, für wichtig, unverschweigbar, unbedingt und unnachlässig zu entleeren meinen…
entrümpelung, verwesungzungen ...
aber das ist zu eng.

ich würde gerne die menschen umarmen.
weil ich sie liebe.
nicht liebe.
liebe!

Seltsam, dass uns das Reden so selten reicht und was Borges damit eigentlich nicht zu tun hat…

10.03.09, 19:03:21 von klavki

Gestern sind hilflose, gescheiterte, degenierte Versuche von Greifungen!

Die Geste als auditiv-phonetischer Atavismus, ein rein visuelles Signum, ein diminutives Reden (sozusagen ein lapsus linguae), ein sprachtiefsinniges Homonym: vielleicht aber auch nur ein vorposterischer Wächter, ein Kryptolabyrinth, Plänkler und Ulan ...

Und die Qualität?

Als Offenbaren ein Auspressen (augenscheinlich, ersichtlich, evident und greifbar) ein gelöstes Rätsel. Die Geste ist die Plastizität von Worten, ein Worteideshelfer, eine Gelöbnisbürgschaft, eine Allesgorisierung unserer disjunktiven Elementen ...

Als Geheimhaltung ein Bemänteln, ein Narren, ein Glimmern und Lauern (chiffriert, kabbalistisch und wolkig), leerer Rauch, ein Possenschwulst, ein mundfaules Diplomatengebären, ein elliptischer Lapdarstil, Stenographieposse, barocke Dekoration, pompöse Verzierung, ein tautologisches Brimborium, pleonastische Fußnotenillustration, ein Hypersuperüberismus, reine Pathosverschwendung, eine Prestigestrategie, eine Urtextforcierung, ein Originaläquivalent der Sprache, eine dragomanerische Interlinearversion ...

Dein Klavki

P.S. Eine höhere Qualität des Sehens?
Borges war blind.
Im Dornseiff steht zwischen "blind" und "sehen" als Oberbegriffe "schwachsichtig".
In dieser Kategorie verweilt das Wort: "spiegelnd".
Borges Spiegel ist also zu verstehen als eine höhere Qualität des nichtvorhandenen Sehens Borges' ...

der weg weicht nicht aus

08.03.09, 21:17:15 von klavki

all den bocksgelehrten!

"es soll auch einen himmel geben -
angeblich."


schreib auf, wie still es ist!
wenn man sich nicht mehr zurechtfindet,
dann ist man an ort und stelle.
meine todesangst feiert ihren 2. geburtstag
und die frau
vor mir im bus
fragt sich,
ob ihr kleid wohl knittert.

schreib auf, wie still es hier ist!
mit dem wortschatz eines gefallenen engels
ich habe die zahl meiner wünsche vergessen.
ich brauche keine mehr:
die vierzig engel
verhallen als lästiges hundegebell
ich verlor auch
ein paar götter
auf dem weg

schreib auf, wie still es hier ist!
meine weisheit wollte nicht mehr warten
auf graue haare.
wenn ich mich erinnere,
dann nur an die zukunft.
wo hast du
deine glücklichste stunde
verbracht?

schreib auf, wie still es hier ist!
aber woher kommt diese weite in uns?
dieser horizont,
den ich nur noch
als bedrohung empfinden kann?
jenseits
ist die weiteste perspektive.
aber wieso
in dieser allzu
ersten person?

wieviel ich verschweige
sage ich nicht.
nichts ist wie immer.
doch welchen widerstand
es leistet!
und wie es überleben will ...

schreib auf, wie still es hier ist.!
schreib auf!
schreib...

die arbeit des vergessens

08.03.09, 21:09:59 von klavki

für das letzte pferd aus einem fremden stall


"es ist an der zeit,
denkmäler zu bauen."
Franz Fühmann


wir taten
als seien wir menschen

damals,
als ich
zum allerersten mal ankam
bei ihm:
an einem ort
noch zehn kilometer
hinter der letzten einöde,
wo sogar den schatten
die augen zufielen
und selbst der wind
nach dem weg fragen musste,
um sich nicht hoffnungslos zu verirren.

hier ging alles
seinen gewohnten gang
rückwärts.
der genormte dreck
hielt das grau zusammen
und die neuesten nachrichten
wurden an bäumen genagelt.
damals.
noch nie hatte hier
einer das wagnis unternommen,
literatur zu buchstabieren.
es war eh zu still,
um ein buch zu lesen.

die wiesen sahen aus
wie in alten heimatliedern
und alles wird gut wurde
schamlos in jede hausecke geflüstert,
obwohl man wusste,
es reichte nicht,
in dunkle ecken zu pissen ...

hier fragte keiner,
wie es einem ging,
denn das wusste man
selbst am besten.
fortbestehen hieß hier
schon siegen.
so wie der fahrradhändler
mit nur einem bein,
bei dem man nun nicht wusste,
sprach das nun eher für
oder gegen ihn.

oder der bauer,
der aussah
als fräße er seine ganzen schweine selber.
damals.

ein leben
wie ein reißverschluss.
ein ganzes dorf voller vorfahren,
amöbisch biographielos
und freigelassen
erst wieder
zur eigenen beerdigung.

grüße waren meistens
belegte geräusche,
die niemand verstand.

jemand drang mit fragen
auf mich ein
und erledigte die antworten
gleich selbst.
man spendierte hin und her
und nur diese ewige einladungsgeste
hielt die stimmung.
die kirche passte sich ohnehin
pünktlich dem frühschoppen an.

ich fühlte mich
wie ein neugieriger zaungast
mit einer verfallenen eintrittskarte,
der bei filterzigaretten und vita-cola
sich sein fremdsein ausredete.
nach einer halben stunde,
als ich fortgezwungen wurde,
filzte man mich routinemäßig.
damals.


zigarillos, an denen wir abwechselnd zogen
hochzeitsreise
zwei deutsche meister
ottomane
graf von kreisner
rollentausch
das ist mein bruder!


wir taten
als seien wir menschen
damals
als jeder normale weg uns auswich.
ausgelöffelt die weichen lager,
zerhackt, zerschüttet, zersiebt,
das unterste gekehrt nach oben
und durchgewalkt
und entseelt
und zerklüftet -
alles.

ein hektoliter sperma
haben wir verschleudert
ich hatte stets drei schlüssel,
ohne zu wissen
von welchen wohnungen.
damals.

um kirchen zogen wir ein bannmeile -
aus schlechten erfahrungen.
unsere küsse waren
in din-a-4 format
und meistens
hervorragend misslungen.
unsere münder gezogen,
gezupft zu einem hohen bogen,
das unsere gesichter
eher in ein großes
fragezeichen verwandelte.

eher lebten wir in mythologien,
den deutlicheren dingen von gestern.
wir lebten dort,
wo die schiffe trieben
auf feinem papier,
beschrieben mit phantasien.
unser stück
konnte nicht mehr
abgesetzt werden.
damals.

mehr gelesen - denn gelebt.
wir gurgelten mit kaffee,
die zähne zu reinigen
von dem rest der worte,
wenn wir morgens
mühsam das alphabet
durchbuchstabierten.
manchmal weckte uns der kater,
manchmal der wecker.
die stimme im radio
klang uns stets zu frisch.

unsere augen unentwegt ein steinbruch.
in die nacht
ging unser lautes gespräch.
die immergleichen kneipen
sammelten das,
was man nicht denken sollte.
unser ganzes dasein hob ab
vom boden der tatsachen.
wir hatten sie getäuscht:
die realität.
wir gründeten den verein
zur abschaffung der wirklichkeit.
wir lebten am grunde der literatur -
barfuß.
in stollendurchquerten nächten.
unwiederholbar.
und die brösel
waren plötzlich kunst.
damals.

der stil war: der mensch

jede utopie
war uns ein gemütliches grab.
wir wussten,
zu viel welt
war immer unbewohnbar.

damals.
auf der nase
die zerlesene brille.
wir liebten fühmann, borges
oder wie sie alle hießen.
damals.



niemals gelungen
unser reisen
nicht zu unterbrechen
um in kleinstädten
in unbekannten buchläden
zu kramen ...


im bahnhof dösen reisende und träumen von badewannen voller bohnenkaffee jetzt vertauschen sie die fahrkarten und wir winken traurig mit dem taschentuch obwohl keiner abreist der zug bleibt leere löcher sind im pflaster und ich werde von denen angesprochen die hineingestolpert sind der boden der tatsachen ist ein floß stammeln sie in allen ecken des bahnhofs stehen märchenerzähler aber sie schweigen denn das letzte buch ist ein schalldichtes buch so dass sie nichts zu erzählen haben stattdessen gibt es auf allen männerklos denkurinale und in manchen klos hängen auch gedichte damit man nicht friert neulich sah ich jemanden hineinkommen der schwitzte unzählige buchstaben ich bin meine bücher durchgegangen aber nirgends war er zuvor beschrieben seitdem wird es immer mehr gedichte an litfasssäulen an verkehrsampeln sogar unter gullydeckeln auch mich scheint es erwischt zu haben ich kann nur noch nackt tippen und jedes Mal wenn ich einkaufen gehen muss sind die preise gestiegen was hat das alles zu bedeuten ich glaube ein großer alter vogel setzt sich auf alles ...


wir taten
als seien wir menschen
damals,
als ich zurück kam
für kurze zeit
in eine vernünftige kälte.

jedes lachen
eine verbündung
gegen das scheitern.
aber diesmal
ein anderes scheitern.

täglich ordnen sie
ihre verschiedenen schwierigkeiten.
träumen vom
lohnsteuerjahresausgleich.
ihr parkett
ist von teppichläufern
geschont
und die stereoanlage
steht im luxuskeller,
damit es die singvögel
nicht stört.

belehrend grade
ragen die kamine.
ich kann sogar
die plastikblumen
auf dem fensterbrett riechen.

musicboxen,
die aus den spielotheken
auf die straßen dröhnen.
städte,
die alle nur nach
mc donald´s stinken.
ein kalorienreiches elend.
ihre armut hat sich verlagert
vom bauch ins gehirn.
ob das verhalten eines volkes
sich wohl auf das
seiner hunde auswirkt?

oder eben
kinder, als kleine
erkennungszeichen.
der park nebenan
wirkt wie eine mächtige blumenschale
aus metallnem grün,
dadrin wie in einem
kinderspielplatzguantanamo,
kinder, die so tun,
als ob sie spielten.

der hofgang der eltern
findet in der
einkaufsstraße statt.
frauen, die mit fernsehsendern schlafen
oder das stöhnen der asiatin
auf deutsch
für die männer.

das wetter
ist die einzige überraschung.
mit spannung
warten sie auf die weltkarte
und den tatort
danach
selbst längst leichen.



einfach mal wieder
nur mal
eben so
wie nebenbei
als sei es nichts
wie früher
achtlos


wir taten
als seien wir menschen
damals,
wo eine blutspur noch ein weg war.
immer mit einem neuen
irrtum auf der zunge.
rotweingläser hielten den himmel hoch
und in den morgendämmerungen
sammelten wir
die zerknüllten zitate ein,
die nachts vom kopf
auf unseren tisch fielen
und stopften sie
in unsere hosentaschen.

auch die welt:
mittlerweile ausgefranst wie ein
taschentuch.
die worte: entkleidet wie
unerlöste schätze, die
bis dahin schliefen.

uns
war selbst marmor biegsam.

wir verzehrten uns gierig
im erfinden der worte.
worte, die dann dahinschmelzten
als sei nie
etwas gesagt worden.

jede utopie
war uns ein gemütliches grab.
alles war einzeln,
augenblicklich,
unversprochen.
was geschah?
was neu war:
das nie vertraute.

das war unser ufer.
wir betraten den horizont.
damals.

kein feuer löschte uns aus.
wir lebten
wie ein pistolenschuss.
an den lippen das leben.

wir vergaßen
anzufangen und aufzuhören.
mittendrin.
bis unsere schmale spur
zu reden begann
im wind.
wir waren menschen,
die ihren plural erfanden.

wir sagten:
wirklichkeit,
versuch´s morgen noch mal, heute
müssen wir alles denken,
was noch nicht gedacht wurde.

die liebe zum nie gesehenen.
die liebe zum nie gehörten.
die liebe zum nie gesagten.

wir nahmen maß
an der vergänglichkeit.
damals.
wir vergaßen die anzahl
unserer wünsche.

die schürfwunde erinnerung.
und dann
nutzlos begraben
im erdreich.
ich habe uns erfahren,
deshalb sterbe ich.

und wer weiß,
vielleicht hätten wir uns
irgendwann die federn
aus dem rücken gezogen -
und wären einfach
gegangen ...


setz dich!
setz dich noch einmal
wie du immer gesessen hast.

wird jemand kommen,
bei dem du wieder so,
genau so,
sitzen wirst?


"anfangen?
oder: aufhören?"
Franz Fühmann


<< vorherige Seite :: nächste Seite >>